Die Steuerreform verspricht viel. Aber was will sie im Kern bewirken – und wie verändert sie unsere Gesellschaft, jenseits der finanziellen Gewinne und Verluste des Einzelnen? Steuerpolitik ist mehr als Zahlen auf einem Steuerbescheid: Sie beeinflusst unsere Entscheidungen, unsere Prioritäten und unsere Art zu leben. Hinter den Ankündigungen steht deshalb eine entscheidende Frage: Reformieren wir das Steuersystem, um den realen Lebensläufen besser gerecht zu werden – oder um die Vielfalt des Lebens an eine implizite Norm anzupassen?
Gleichheit ist nicht Gerechtigkeit: Steuerklasse 2 verstehen
Die verlockendste Botschaft der Reform lautet „Neutralität“: Ab 2028 soll es nur noch eine Steuerklasse geben – für alle gleich, unabhängig vom Zivilstand. Auf dem Papier klingt das fair. Doch formale Neutralität kann reale Ungerechtigkeit erzeugen.
Ein häufiges Missverständnis: die Annahme, Steuerklasse 2 bedeute automatisch einen Vorteil. In der Praxis stimmt das nicht. Wenn beide Partner ähnlich verdienen, ist Steuerklasse 2 nahezu neutral – identisch zur Steuerklasse 1. Historisch wurde das Splitting eingeführt, um zu verhindern, dass gemeinsam veranlagte Ehepaare durch die Progression benachteiligt werden, insbesondere wenn beide erwerbstätig sind. Das zeigt: Steuerklasse 2 war nie dazu gedacht, ein „Einverdiener-Modell“ zu fördern.
Das Prinzip ist einfach: Für die Steuerberechnung wird das Einkommen des Paares rechnerisch auf zwei Teile verteilt. Dadurch wird verhindert, dass das zusammengerechnete Einkommen – oder ein Einkommen, das überwiegend von einer Person stammt – so besteuert wird, als müsste es nur eine Person tragen, obwohl es in Wirklichkeit zwei Menschen versorgt. Damit wird eine zentrale Realität berücksichtigt: In Ehe und PACS gibt es gesetzliche Solidaritätspflichten. Verdient eine Person weniger oder fällt zeitweise ganz oder teilweise aus (Care-Arbeit, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Weiterbildung, Ehrenamt), verhindert dieser Mechanismus eine steuerliche Bestrafung genau dann, wenn Solidarität am dringendsten gebraucht wird.
Solche Phasen wird es immer geben – ein Leben verläuft nicht linear. Entscheidend ist, wie sie aufgefangen werden: durch private Solidarität oder durch öffentliche Solidarität. Was wollen wir also wirklich: die Steuer individualisieren – oder neu definieren, was es bedeutet, „ein Paar zu sein“?
Wenn Schutz und Absicherung stärker über öffentliche Solidarität organisiert werden sollen, darf man dabei nicht übersehen, was Partnerschaft für Menschen bedeutet. Die Forschung spricht von einem grundlegenden „Bedürfnis nach Zugehörigkeit“, und stabile soziale Beziehungen werden häufig mit besserer Gesundheit, höherer Lebenserwartung und größerer Lebenszufriedenheit in Verbindung gebracht. In der Realität heiraten die meisten Menschen aus grundlegenden Motiven: Bindung, Stabilität, Sicherheit, geteilte Verantwortung. Deshalb drängt sich eine Frage auf: Ist es klug, Strukturen weniger attraktiv zu machen, die genau diese Stabilität und Solidarität organisieren? Und weitergedacht: Was passiert mit Beziehungen, wenn man ihnen schrittweise die wirtschaftliche Gemeinschaft entzieht?
Doch Steuergerechtigkeit bemisst sich nicht nur am Paar. Sie zeigt sich auch darin, wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die Verantwortung alleine tragen. Ist es gerecht, einen Single und einen alleinerziehenden Elternteil in die gleiche Kategorie zu stecken, als hätten beide die gleiche Belastung? Man wird einwenden: „Es gibt Hilfen.“ Ja – und sie sind notwendig. Aber die Methode ist fragwürdig: Soll man zuerst steuerlich „neutralisieren“ und dann im Nachhinein mit punktuellen, oft bedingten Unterstützungen korrigieren? In diesem Modell besteuert man so, als gäbe es bestimmte Lebensrealitäten nicht – und kompensiert anschließend über Instrumente, die teils komplex, teils unzureichend sind. Auch sollte man vermeiden, Eltern in Partnerschaft gegen Alleinerziehende auszuspielen. Man hilft Alleinerziehenden nicht, indem man alle Familien so behandelt, als wären sie alleinerziehend. Gerechtigkeit ist nicht Gleichmacherei, sondern das Anerkennen realer Verantwortung.
Ein Bild macht den Unterschied greifbar: Auf einer Startlinie läuft der Single frei los. Das Paar kommt „gebunden“ voran, weil es Verpflichtungen teilt. Die alleinerziehende Person läuft mit dem Kind auf dem Rücken. Wer wird zuerst ankommen? Und ist es wirklich „gerecht“, so zu tun, als wären die Startbedingungen identisch?
Welches Gesellschaftsmodell wollen wir gestalten?
Individualisierung ist kein technisches Detail, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung: Sie verschiebt den Blick vom „Wir“ zum „Ich“. Wer diesen Weg einschlägt, muss klären, was das für das ganze System bedeutet: Werden soziale Rechte künftig auf Personen- oder auf Haushaltsebene gedacht – und welche finanziellen Pflichten folgen daraus für Ehe und PACS? Denn dort, wo der Staat unterstützt, denkt er weiterhin in Haushalten: Sozialleistungen beruhen auf der Annahme einer wirtschaftlichen Gemeinschaft. Steuerlich soll diese Gemeinschaft künftig jedoch unsichtbar werden. Damit verschiebt sich Verantwortung – und ein Teil dessen, was bisher private Solidarität aufgefangen hat, müsste öffentlich kompensiert werden. Genau hier bleibt die Reform widersprüchlich: Sie individualisiert bei den Einnahmen, hält aber an der kollektiven Logik bei Pflichten und Hilfen fest. In dieser Grauzone entstehen zwangsläufig Gewinner und Verlierer – besonders bei jenen, die finanziell Verantwortung für andere mittragen und spürbar an Kaufkraft verlieren können.
Kaufkraft: ja – aber für wen?
Die Reform wird als Entlastung verkauft. Aber wer profitiert tatsächlich? Häufig diejenigen, deren Lebenssituation dem „autonomen“ Modell entspricht: Singles oder Paare mit stabilen, vergleichbaren Einkommen – zum Preis einer stärker individualisierten Logik. Zwei Realitäten sollte man nüchtern aussprechen. Erstens: Eine Steuerreform ist kein Instrument der Sozialpolitik. Wer wenig steuerpflichtiges Einkommen hat, profitiert von Steuersenkungen nur begrenzt. Zweitens: Die größten Gewinner sind oft diejenigen, die ohnehin Spielraum haben. Abzüge und Freibeträge „lohnen“ sich stärker, je höher Einkommen und Grenzsteuersatz sind – und man muss sich Dinge, die absetzbar sind, erstmal leisten können (Zinsen, Sparprodukte, gewisse Investitionen, Versicherungen, Dienstleistungen usw.). Das Ergebnis: Die Reform stärkt Kaufkraft vor allem dort, wo sie ohnehin am höchsten ist – statt dort anzusetzen, wo die finanziellen Belastungen am größten sind.
Die Reform basiert auf einem Grundsatz: Es gebe eine „Ungerechtigkeit“, die zu korrigieren sei, und gerechter werde es, wenn Singles und Haushalte mit strikt getrennten Kassen steuerlich bessergestellt werden. Doch hier geht es nicht nur um eine Verschiebung innerhalb des Systems, sondern um einen massiven budgetären Aufwand, der teilweise auch über zusätzliche Verschuldung ermöglicht wird. Damit stellt sich eine Frage: Wozu dient dieses Budget genau? Um eine gefühlte Ungerechtigkeit zu korrigieren – oder um einen grundlegenden Richtungswechsel gesellschaftlich akzeptabler zu machen? Und vor allem: Wer hat diese Reform eingefordert – und auf welcher demokratischen Grundlage?
Demokratie: Individualisierung ohne Mandat?
Eine Steuerreform ist ein politischer Entscheid. Aber welchen demokratischen Wert hat er, wenn er als Selbstverständlichkeit präsentiert wird – und (fast) alle Parteien in die gleiche Richtung gehen?
Es gibt einen klaren Indikator: In Luxemburg existiert die Individualbesteuerung für verheiratete Paare bereits seit 2018. Dennoch haben sie 2022 nur 0,23 % der verheirateten residenten Paare gewählt. Man kann über die Gründe diskutieren, aber die Beobachtung ist zumindest bemerkenswert: Wenn Individualisierung so breit gewünscht wäre, warum hat sie sich dann nicht längst durch Nutzung durchgesetzt? Zumal das Thema viele betrifft: Rund 63 % der 30- bis 84-Jährigen leben in einer Ehe oder PACS.
Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, von einem klaren Volksmandat zu sprechen: Die Wählerinnen und Wähler hatten in dieser Frage kaum echte Wahlfreiheit, weil fast alle Parteien in die gleiche Richtung tendierten. Und dass ausgerechnet weniger explizite Positionen Stimmen gewinnen konnten, sagt ebenfalls etwas. Wenn Regeln des Zusammenlebens geändert werden, braucht es politische Verantwortung auf Augenhöhe: Klarheit, Debatte und echte Wahlmöglichkeiten.
Schluss
Diese Reform ist kein bloßes Nachjustieren – sie ändert ein Gesellschaftsmodell. Wenn man in Richtung Individualisierung gehen will, muss man das auch konsequent und transparent tun: indem man benennt, was dadurch verschoben wird und was es kostet. Vor allem aber darf eine solche Entscheidung nicht „still“ passieren. Wenn die „Neutralität“ nicht neutral ist, dann darf diese Debatte nicht geschlossen werden – sie muss endlich beginnen.